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Wer bezweifelt, dass der Mensch massgeblich für die gegenwärtige Klimaerwärmung verantwortlich ist, wurde vielleicht Opfer eines raffinierten Täuschungsmanövers. Denn gewisse Denkfabriken, wie privat finanzierte Forschungsinstitute gern genannt werden, haben in den letzten Jahren eine äusserst erfolgreiche Fehlinformationskampagne zum Klimawandel geführt.
Die Strategie dieser Kampagne und deren Protagonisten werden in einem Kapitel des kürzlich erschienenen Buchs «Agnotology, The Making and Unmaking of Ignorance» analysiert (siehe Kasten). Laut den Autoren Naomi Oreskes, Professorin für Geschichte und Wissenschaftsstudien an der University of California in San Diego, und Erik Conway vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa in Pasadena orientieren sich die Denkfabriken bei ihrer Strategie an den grossen Tabakkonzernen. Rund 40 Jahre lang haben diese Zweifel an einer Verbindung von Zigarettenrauch und Lungenkrebs geäussert, die Gefahren des Passivrauchens bestritten und das Abhängigkeitspotenzial von Nikotin heruntergespielt, obwohl diese Zusammenhänge längst in zahlreichen Studien belegt waren.
In einer internen Notiz der Tabakfirma Brown & Williamson aus dem Jahr 1969 ist zu lesen: «Zweifel ist unser Produkt, denn es ist die beste Methode, um gegen die ‹grundlegenden Erkenntnisse› anzukämpfen, die in den Köpfen der Öffentlichkeit existieren.» Entsprechend bestreiten einflussreiche Denkfabriken den seit mehr als einem Jahrzehnt herrschenden Konsens der Klimaforscher über die Rolle des Menschen bei der aktuellen Erderwärmung und verunsichern so die Bevölkerung.
Ziel ist, Unsicherheiten in der Klimaforschung aufzuzeigen
Die Strategie ist genial: Wenn Bevölkerung und Politiker den Eindruck gewinnen, die Forscher seien sich beim Ausmass des Klimawandels und der Rolle des Menschen uneins, dann erübrigen sich Massnahmen zum Klimaschutz. Daher wird gerne suggeriert, die Forschungsresultate seien nicht rundum abgesichert. Mehr und noch mehr Forschung sei nötig, bevor man grundsolide Schlüsse ziehen könne. So steht etwa im Corporate Citizenship Report des Ölgiganten Exxon Mobil aus dem Jahr 2005: «Lücken in den wissenschaftlichen Grundlagen für theoretische Klimamodelle ... führen dazu, dass es schwierig ist, objektiv zu ermitteln, in welchem Masse die jüngsten Klimaveränderungen auf menschliches Verhalten zurückzuführen sind.»
Da das Erdklima äusserst komplex ist, finden sich tatsächlich immer gewisse Aspekte, die nicht bis ins letzte Detail verstanden sind – etwa der Einfluss der Wolken. Um mit dem Finger in diesen Wunden zu bohren, gründete Exxon Mobil bereits 1998 das Global Climate Science Team (GCST). In einem an die Öffentlichkeit gelangten Aktionsplan von GCST ist zu lesen: «Wir werden Erfolg haben, wenn der Normalbürger Unsicherheiten in der Klimaforschung erkennt.»
In genau dieselbe Kerbe schlägt das George C. Marshall Institute, eine von Exxon Mobil mitfinanzierte, in Washington DC basierte Denkfabrik. «Seit den frühen Neunzigerjahren Jahren hat das Marshall Institute darauf bestanden, dass die Hinweise auf den globalen Klimawandel unsicher, unvollständig, ungenügend oder irgendwie unangemessen sind», schreiben Oreskes und Conway.
Ölfirma Exxon Mobil bezahlt Dutzende von Denkfabriken
Ende 2005 präsentierte das Marshall Institute ein Buch: «Erschütterter Konsens: Der wahre Zustand der globalen Erwärmung». Hauptautor ist der Meteorologe (nicht Klimaforscher) Patrick Michaels, der mit fast einem Dutzend weiterer Thinktanks verbandelt ist. Eine der Hauptthesen des Buchs: Von einem Konsens unter den Klimaforschern über den Einfluss des Menschen auf die Erderwärmung könne keine Rede sein.
Diesen Konsens gibt es sehr wohl, wie Oreskes und Conway ausführen. Schon 1995 kam der Weltklimarat (IPCC) zum Schluss, dass «ein Grossteil der in den letzten 50 Jahren beobachteten Klimaerwärmung menschlichen Aktivitäten zuzuschreiben ist». 2001 bestätigte die US National Academy of Sciences (NAS) die Schlussfolgerungen des Weltklimaberichts aus demselben Jahr. Und im Juni 2005 haben elf der wichtigsten nationalen Wissenschafts-Akademien der Welt eine gemeinsame Stellungnahme herausgegeben, in der es heisst: «Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel sind nun klar genug, um sofortiges Handeln der Nationen zu rechtfertigen.»
Gehandelt hat aber in erster Linie die Erdöllobby. Darüber berichtet neben Oreskes und Conway auch die Union of Concerned Scientists (UCS), eine in den USA beheimatete Interessengruppe von kritischen Wissenschaftlern. Im Januar 2007 hat die UCS einen Bericht mit Titel «Smoke, Mirrors & Hot Air» publiziert. Darin zeigt die Organisation auf, dass Exxon Mobil zwischen 1998 und 2005 rund 16 Millionen Dollar an ein Netzwerk von rund 40 Denkfabriken gezahlt hat.
Neben dem GCST und dem Marshall Institute erhielt auch das Competitive Enterprise Institute Gelder von Exxon Mobil, und zwar rund zwei Millionen Dollar. Ein Vertreter dieses Instituts, John Christy, hat aus Satellitendaten Temperaturkurven für die Atmosphäre gewonnen, die keinen nennenswerten Erwärmungstrend aufzeigten. Das stand in eklatantem Widerspruch zu den Bodenmessungen und war gefundenes Fressen für die Klimawandelskeptiker. Mittlerweile wurden in den Daten von Christy drei grobe Fehler entdeckt. Nach deren Korrektur zeigen auch die Satellitendaten den erwarteten Erwärmungstrend.
An Dreistigkeit kaum zu überbieten ist der Physiker Frederick Seitz, der laut UCS fünf von Exxon Mobile geförderten Organisationen angehört. 1998 verfasste und verschickte er einen Bericht, in dem er behauptet, die Emission von Kohlendioxid verursache keine Klimaerwärmung. Der Bericht wurde nicht von unabhängigen Experten begutachtet. Doch Seitz gab dem Report das optische Format, als sei er in den «Proceedings of the National Academy of Sciences» (PNAS) erschienen. Das ist eine führende Wissenschaftszeitschrift, in der nur begutachtete Artikel erscheinen. So missbrauchte Seitz die Autorität der PNAS für seine Desinformation.
Den von Exxon Mobil gesponserten Denkfabriken ist es sogar gelungen, einen direkten Draht zu hochrangigen Politikern aufzubauen, etwa zum US-Präsidenten George W. Bush. Im Mai 2002 debattierte das Aussenministerium der USA über den «US Climate Action Report». Der Bericht stellt den Klimawandel als bedeutendes Risiko dar, das von Treibhausgasemissionen des Menschen verursacht ist. Wie die UCS berichtet, machte Myron Ebell – wie Christy vom Competitive Enterprise Institute – seinen Einfluss auf den US-Präsidenten geltend und legte ihm nahe, sich von diesem Bericht zu distanzieren. Wenige Tage später hat Bush den Report als «Produkt der Bürokratie» verunglimpft.
Aussagen der Denkfabriken von der Presse wiedergekäut
Auch unter der US-Bevölkerung hatte die Zweifel-Strategie Erfolg, wie Oreskes und Conway in «Agnotology» schreiben. In einer Umfrage des Gallup-Instituts und der Yale University aus dem Jahr 2007 war eine grosse Mehrheit der Amerikaner zwar davon überzeugt, dass der globale Klimawandel stattfindet. Aber 40 Prozent glaubten, dass immer noch «grosse Meinungsdifferenzen unter den Wissenschaftlern herrschen».
Und nach wie vor werden die kritischen Stimmen in der Presse gern zitiert. Ein beliebter Interviewpartner – auch für die SonntagsZeitung – ist beispielsweise der dänische Politologe und Statistiker Bjorn Lomborg. Laut Oreskes und Conway käut er die vom Marshall Institute aufgestellten Behauptungen wieder, die Klimawissenschaft sei unsicher und die Wahrscheinlichkeit schwer wiegender Konsequenzen des Klimawandels übertrieben.
Ähnliches verbreitet der US-Physiker Frederick Singer. Im «Wall Street Journal» etwa schrieb er 2006: «Der menschliche Beitrag zur globalen Erwärmung scheint recht klein zu sein, natürliche Klimafaktoren sind dominant.» Pikant an dieser Aussage: Zuvor bestritt Singer bereits den Zusammenhang zwischen fluorierten Chlorkohlenwasserstoffen (FCKW) und dem Ozonloch. Und noch früher war er auf Seiten der Tabaklobby an einer Expertise beteiligt, wonach Passivrauchen unschädlich ist.
Vernebelungstaktik: Denkfabriken streuten mit Methode – und finanzieller Unterstützung durch Erdölfirmen – Skepsis gegenüber dem globalen Klimawandel und seinen Ursachenfoto: aurora/getty images
Die Erhaltung des Unwissens
Unwissen ist weit mehr als das, was man nicht weiss. Das ist in Kürze die Hauptthese des kürzlich erschienenen Buches «Agnotology, the Making and Unmaking of Ignorance» (Stanford University Press, 32.50 Fr.). «Es muss mindestens so viele Arten der Ignoranz geben wie des Wissens – vielleicht sogar mehr, wenn man bedenkt, wie karg unser Wissen ist im Vergleich mit der unermesslichen Weite des Unwissens», schreibt Mitherausgeber Robert Proctor, Professor für Geschichte an der Stanford University. Einige Aspekte der Ignoranz werden im Buch von einem Dutzend verschiedener Autoren präsentiert. Darunter etwa die militärische Geheimhaltung, der weibliche Orgasmus und die im Haupttext diskutierte Desinformation über den globalen Klimawandel.
Joachim Laukenmann, SonntagsZeitung, 22.06.2008 |
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